Aktuelle Projekte

Hier stellen wir aktuelle Projekte und zukünftige Vorhaben rund um das Bienenhaus vor.

Das Würzburger Forschungslabor

Seit nunmehr gut 15 Jahren strahlt von der Universität Würzburg das von Prof. Dr. Jürgen Tautz gegründete Bienenforschungszentrum in die breite Öffentlichkeit. Ein gemeinnütziger Verein unterstützt die Arbeit und hat unter dem Namen Beenature-Projekt viel dazu beigetragen, dass die Forschung aus dem Elfenbeinturm in einen breiten Diskurs mit der Gesellschaft getreten ist, der vor allem auch die Imker und Bienenfreunde einbezieht. Mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Torben Schiffer hat dieses Zentrum begnadete Forscher, Filmer und Rhetoriker, die nachhaltig die Kluft zwischen der Wissenschaft und den Laien zugunsten der gemeinsamen Anliegen für die ökologische Nachhaltigkeit verringert haben.45 Millionen Jahre lang hatte die Evolution aus den Bienen eine der erfolgreichsten Lebensorganisationen auf der Erde geschaffen. Seit 150 Jahren sind aber mit der wirtschaftlichen Ausbeutung ihres Honigs genetisch und manipulativ die Lebensbedingungen für die Bienenvölker verändert worden. Honigbienen ohne fremde Hilfe (der Menschen) können heute nicht mehr überleben. Die Gefährdung der Völker durch die Varroamilben ist ein Symptom, wie die natürlichen Möglichkeiten der Bienen eingeschränkt wurden, sich selber zu helfen. Torben Schiffer kritisiert deshalb auch wesentliche Glaubensgrundlagen in der Imkerei und die Zuchtkriterien des Deutschen Imkerbundes .Sicher gehören Imker zu den Naturfreunden. Die meisten von ihnen arbeiten im besten Glauben, für die Erhaltung der Blühkulturen einen wichtigen Beitrag zu leisten. Sie sind die Verbündeten gegen den Einsatz der Pestiziden in der Garten- und Landwirtschaft. Sie produzieren den kostbaren Honig und bereichern so natürliche Nahrungsketten. Sie arbeiten gerne mit ihren Bienen, folgen den Regeln und Anleitungen, wie sie von Generation zu Generation weitergetragen werden. Und jetzt kommen sie in die Kritik der Forscher, weil gerade diese Regeln und Anleitungen einem Teil der Probleme verursachen. Das macht sie unsicher. Umso wichtiger wird es, mit ihnen zu reden, sie in einen Dialog mit den Wissenschaftlern einzubeziehen. Nun heißt die neue Richtlinie: Die Bienen organisieren ihr  optimales Leben am besten selber.Das Bienenhaus ist nahe an dieser Richtlinie und insofern auch ein Verbündeter der Imker. Es ist vor allem eine Brücke, über die Forschung und Praxis miteinander verbunden sind.  Deshalb ist es sinnvoll, einige Kernsätze aus der Würzburger Bienenforschung zur Diskussion zu stellen, soweit mit ihnen die Arbeit in der Imkerei berührt wird. Aus dem weiten Forschungsspektrum der Würzburger Bienenforscher sollen hier nur zwei Erkenntnisse vorgestellt werden, die für die Imkerpraxis hohe Relevanz haben.Imker wissen, dass sie oft kleine Völker haben, die zu langsam wachsen. In der Regel entweiseln sie diese Völker. Die Untersuchungen zeigen aber, dass gerade diese Völker am wenigsten von Vorroamilben befallen werden. Sie entlasten sich im hohen Maße durch das sogenannte Grooming,

sorgen also für mehr Luft und Platz in ihrem Volk durch Intensivierung ihres sozialen Verhaltens und ihrer Körperpflege. Kleine Völker als nicht lebenswertes Material zu klassifizieren, wie das Imkervorlagen empfehlen, ist eine verkürzte und gefährliche Orientierung, die zudem ethisch nicht haltbar ist. Die kleineren Völker produzieren zwar zunächst weniger Honig, aber sie sind gesünder und überlebensfähiger.
Bekannter sind inzwischen die Würzburger Forschungen über die Pseudoskorpione beziehungsweise Bücherskorpione. Denn auch sie sind ein Schlüssel für die Eindämmung der Gefahren durch die Vorroamilben. Diese Bücherskorpione haben sich seit tausenden Jahren auf das Zusammenleben mit den Bienen spezialisiert. Sie sind für die Bienen ein willkommener Gast in ihren Häusern, weil sie die Stöcke entlausen und ständig Appetit auf die Plagegeister der Milben haben. Solche Symbiosen wieder möglich zu machen, ist doch viel besser als die Bienen mit Säuren zu quälen, die Menschen bereits bei geringster Konzentration die Nasenschleimhäute verätzen. Denn die Bienen dulden den Bücherskorpion, der weder für die Brut und Waben, noch für die Bienen selbst eine Gefahr darstellt und sich gänzlich von den feuchten und klebrigen Waben fernhält.
Also rein mit den Bücherskorpionen in die Bienenstöcke? So einfach ist es nicht, nachdem diese nunmehr seit Jahrzehnten systematisch aus der Imkerei entfernt worden sind. Denn sie sterben sofort, wenn sie mit den gängigen Mitteln der Chemie wie Ameisensäure oder Perizin in Berührung kommen. Eine Kombination der üblichen Behandlungsmetode gegen die Varroa und der Wiedereinführung des Bücherskorpions ist also ausgeschlossen, kann nicht funktionieren. Könnte es aber sein, dass Bücherskorpione nicht nur natürlicher sind, sondern dass sie sogar erfolgreicher sind? Die Wissenschaft wird sagen: Ja. Aber die Umstellungen in der Praxis wären gewaltig, und die Vertreter der Praxis sagen deshalb lieber: Nein.
Das Bienenhaus ist ein Ort, an dem solche Forschungsergebnisse diskutiert und auch durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen auf die Probe gestellt werden sollten. Es kann also eine Schneise in die neue Imkerei schlagen. Die Würzburger Forscher geben zu, ihre Forschungen zunächst auf alternative Lösungsstrategien fokussiert zu haben wie z.B. Klimadeckel, Stockfeuchte, Dämmungen, Puderzuckerbehandlung. Um die negativen Symptome der modernen Imkerei zu bekämpfen, gehen sie jetzt neue Wege, die ihnen angemessener, naturnäher und vor allem aussichtsreicher erscheinen. Statt der Symptome werden die Ursachen erforscht. Statt einer Symptombehandlung gerät die Ursachenbekämpfung in den Mittelpunkt. Dafür sind die Bienen die besten Verbündeten. Sie und ihre Biologie geben die Antwort, wie sie sich gegen manipulative Eingriffe des Menschen am besten schützen können.

Ulrich Pätzold, Mitglied

AUSWILDERUNG VON HONIGBIENEN

Auswilderung von Honigbienen zurück in die Bückeberger Waldnatur

Im Februar 2019 nahmen einige Vereinsmitglieder teil am Klotzbeutenbau-Workshop, den der junge Springer Verein „Waldbiene e.V.“ angeboten hat. Dort lernten wir die Fertigkeiten für den späteren Bau des Zeidlerbaumes, der heute das Gelände des Bienenhauses ziert.

Es gründete sich aber auch eine fruchtbare Zusammenarbeit, die im Frühsommer diesen Jahres in einem gemeinsamen Projekt zum Ausdruck kam. Die Auswilderungsversuche von Honigbienenkolonien, die im Deister bereits an verschiedenen Orten von Rudolf Rantzau und seinem Team durchgeführt werden, wollte Anna-Lisa Giehl vom Schaumburger Bienenhaus im Bückeberg fortsetzen. Sie stellte einen Schwarm aus eigener Imkerei zur Verfügung, der künftig ohne imkerliche Einflüsse in einer der Natur nachempfundenen Baumhöhle verwildern sollte.

Weitere Kooperationspartner fanden sie im Kreisforstamtsleiter Lothar Seidel und Karsten Moos, dem Leiter des Jugend-, Bildungs-, Freizeit- Centrum des Landkreises. Schnell ergaben sich Synergieeffekte für alle Beteiligten, die mit einer Ansiedlung eines Bienenschwarmes in einer zuvor von den „Waldbienen“ im Baum aufgehängten Klotzbeute für alle Beteiligten verbunden waren:

Die Honigbiene in ihrem ursprünglichen Lebensraum Wald zu beobachten und zu erforschen stellt für alle Beteiligten, ob Förster, Bildungsort, Imker oder Naturliebhaber eine faszinierende Thematik dar.

Der Ort am Rande des weitläufigen Geländes des JBF-Centrums wurde bewusst ausgewählt, weil hier mitten im Bückeberg genügend Abstand zu domestizierten Honigbienenvölkern gehalten wird, um mögliche Beeinträchtigungen auszuschließen. Auch landwirtschaftlich genutzte Flächen liegen außerhalb des Flugradius der Bienen. Abwechslungsreiche Strukturierung dank großer Freiflächen im Umkreis der Klotzbeute sorgen für ein sicheres Nahrungsangebot. Das Gelände des JBF-Centrums wird seit diesem Jahr bienenfreundlich umgestaltet.

Am 11. Juni war es soweit. Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen und ein passender Schwarm war gefangen. Wir trafen uns auf dem Bückeberg, um dem Schwarm in sein neues Zuhause einziehen zu lassen. Alles verlief ohne Komplikationen, die Presse verfolgte den Prozess. Alle waren zufrieden. Aber wie es meistens bei den Bienen so ist, machten sie es uns nicht so leicht...

Ein paar Tage später mussten wir feststellen, dass die Klotzbeute leer war. Die Bienen waren ausgezogen und hatten sich eine andere Behausung gesucht. Wo? Unbekannt! Warum? Wir können nur spekulieren. Im Sommer wurden noch Honigbienen auf Blüten des Geländes des JBF-Centrums beobachtet. Das heißt, das Bienenvolk lebte noch, denn in dieser Gegend gab es vor der Auswilderung keine Honigbienen. Wenn wir im Frühjahr wieder Honigbienen auf den blühenden Apfelbäumen finden, können wir davon ausgehen, dass das Volk den Winter überlebt hat. Dann beginnt ein neues Abenteuer, das „Beelining“, über das wir natürlich wieder berichten werden.

Anna-Lisa Giehl, Imkermeisterin

BIENENREPORT 2019 von Anna-Lisa Giehl

Mit diesem Bericht möchte ich die Leser mitnehmen in das Geschehen um die Bienenvölker, die uns im Bienenhaus empfangen und begleiten.
Weil dieses der erste Bericht ist seit dem Einzug des ersten Bienenschwarmes anlässlich der Eröffnung des Bienenhauses im Mai 2018, muss ich etwas weiter ausholen. Die Beziehung eines Imkers zu seinen Bienen ist immer eine sehr persönliche. Im Umgang mit seinen Tieren wird dem Imker die Chance gegeben, sich selbst zu erkennen. Deshalb werden Sie nicht umhin kommen, auch ganz persönliche Dinge über mich zu lesen.

Im ersten Jahr sind insgesamt acht Bienenschwärme ins Bienenhaus eingezogen. Alle entstammen meinem Betrieb, der Schaumburger Waldimkerei. Weil es 2018 allgemein wenige Schwärme gab, waren vier der acht von mir vorweggenommene Schwärme. Dabei fängt der Imker selbst bei einem Volk, das schwarmtriebig ist, die alte Königin heraus, käfigt sie, hängt den Käfig in eine Schwarmkiste und fegt Bienen von mehreren Waben hinzu. Kurz - ich habe also etwas nachgeholfen, um das Bienenhaus zu besiedeln.

Die Schwärme entwickelten sich allesamt dank der positiven  Witterungsbedingungen im späten Frühjahr gut. Sie schafften ihren eigenen Naturwabenbau und legten erste Brutflächen und Futtervorräte an, ohne dass ich viel zufüttern musste. Die Sommertracht war auf Grund der Trockenheit sehr mäßig. Die Bienen bekamen von mir zusätzliche Honiggaben, um genügend Wintervorrat einlagern zu können. Im August und September behandelte ich die Völker mit Ameisensäure, um den Varroa-Befall zu minimieren.

Im späten Herbst zogen die Völker aus. Das heißt, die Kästen wurden von mir auf vorbereitete Böcke vor das Bienenhaus ins Freie gestellt. Dort sollten sie, wie ich es auch von meinen Wirtschaftsvölkern kenne, den Außentemperaturen ausgesetzt sein und ungestört vom Betrieb im Bienenhaus überwintern. Eine Winterbehandlung gegen die Varroa-Milbe im brutfreien Zustand habe ich nicht durchgeführt. So groß war der Frieden, den die Völker ausgestrahlt haben, dass ich mich nicht zu diesem Eingriff überwinden konnte.

Bei der frühen Auswinterung in den ersten warmen Tagen 2019, es war der 25. Februar, stellte ich fest, dass ein starkes Volk weisellos war. Die Bienen „heulten“, weil sie keine Königin hatten. Ich fand sie tot im Boden. Für dieses Volk gab es um diese Jahreszeit keine Rettung. Ich fegte die Bienen vor das Nachbarvolk, wo sie sich „einbettelten“. Ein weiteres Volk war zu schwach und starb schließlich Mitte April.

Einen knappen Monat später sind die Völker zurück ins Bienenhaus gekommen. Der Umzug am Morgen eines ungewöhnlich warmen Märztages verlief problemlos. Die Bienen hatten in den warmen Sonnenstunden genügend Zeit, sich neu zu orientieren und einzufliegen. Das warme Frühjahr hatte zur Folge, dass ich bereits am 29. März die ersten Drohnen vor den Fluglöchern beobachten konnte. Gut drei Wochen früher als normal. Was sollte das bedeuten? Die Völker entwickelten sich rasant und wurden von mir am selbigen Tag mit leeren Rähmchen und z.T. schon ausgebauten Waben erweitert. Dies wiederholte sich in den kommenden Wochen etwa alle zehn Tage.

Drei der sechs noch verbliebenen Völker waren am 15. April so stark, dass ich nicht anders konnte, als ihnen einen Honigraum zu geben. Das Barometer stand ausdauernd auf Hoch, draußen begannen das Obst und der Raps zu blühen. Die Bienen sammelten auch fleißig, und zwei der Völker sind darüber vorerst über das Schwärmen hinweggekommen. Alle erhielten einen weiteren Honigraum etwa drei Wochen später.

Am 13. Mai gingen die ersten beiden Vorschwärme ab. Vorschwärme sind in der Regel sehr starke Schwärme mit etwa 15-20 tausend Bienen, einigen hundert Drohnen und der alten Königin. Ein Schwarm kam aus einem Volk, das bereits etwa 25 kg Honig in den aufgesetzten Honigräumen hatte und sich trotzdem parallel auf die Volksteilung vorbereitet hatte. Es wird uns später noch einmal begegnen. Dieser Schwarm ließ sich auf einem Kirschbaum beim Hühnergehege nieder. Ich fing ihn ein, taufte ihn „Kirsche“ und ließ ihn nach drei Tagen „Kellerhaft“ in eine leere Beute im Bienenhaus einlaufen. Weil ich beobachten konnte, aus welchem Volk er ausgezogen war, wusste ich, dass seine Königin gezeichnet und bereits drei Jahre alt war. Erstaunlicherweise fand ich bei der Kontrolle am 2. Juni, also 20 Tage später in eben diesem Volk eine junge, prächtige, ungezeichnete Königin, die bereits in Eilage war. Hatte der Schwarm sich schon eine junge Königin zusätzlich mitgenommen? Eins der unzähligen Phänomene, vor denen der Imker staunend steht und auf die er keine fertige Antwort findet.

In den nächsten vier Wochen folgten neun weitere Schwärme. Erstmals konnte ich im Bienenhaus sitzend das konkurrierende „Tüten“ der Jungköniginnen verfolgen. Ein skurriles Geräusch, das an den Schrei eines Esels erinnert und dem Imker draußen in der Natur verborgen bleibt. Es sei denn, er hat gerade ein entsprechendes Volk geöffnet.

Das Highlight war ein Schwarm, der während eines philosophischen Vortrages aus der Veranstaltungsreihe des Vereins abging. Das Thema war „Rousseau und wir“. Rousseau als Vordenker der Öko-Bewegung. In einem besonders aufmerksamen Moment, die Vortragende las gerade aus Rousseaus Aufzeichnungen, in denen er beschreibt, wie er offen für neue Inspirationen draußen auf einem See verlassen in einem kleinen Ruderboot sitzt und die Welt hinter sich lässt, da wurde es laut im Bienenhaus. Das Summen, bis dahin gleichmäßig anregend im Hintergrund, bekam eine neue Frequenz.

Die Zuhörer, außer einem waren es keine Imker, konnten das natürlich nicht deuten. Ich spürte aber sofort die gebündelte Energie, die von eben Volk ausging, aus dem sechs Tage zuvor bereits der Vorschwarm in die Kirsche geflogen war. Wenn ein Volk ausschwärmt, bekommt es vorher „Fieber“. Es heizt sich auf bis über 41 °C, und wenn die Schwarmbienen es vor Wärme und Energie nicht mehr aushalten können, stürzen sie nach draußen. Der Nachschwarm, jetzt von einer jungen, frisch geschlüpften Königin begleitet, kreiste noch in einer großen Wolke über die Streuobstwiese, als wir kurz darauf Pause machten. Einige Teilnehmer stellten sich zu mir in die Bienen. Es war sehr bewegend. Ich habe den Schwarm „Rousseau“ genannt. Er lebt jetzt ebenso wie „Kirsche“ und das Muttervolk im Bienenhaus.

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen. Die Schwarmzeit ist die aufregendste Zeit im Bienenjahr.

Die vielen Schwärme haben dazu geführt, dass alle zehn Beuten im Bienenhaus besetzt werden konnten und sich zugleich der gesamte Bestand verjüngt hat. Vier der Schwärme hat übrigens Max gefangen. Ich habe sie ihm überlassen, weil ich keinen Bedarf mehr hatte und außerdem zu wenig Zeit. Er hat mich als junge Frau zu den Bienen geführt, hatte selber aber inzwischen schon viele Jahre keine Bienen mehr betreut. Jetzt hat er wieder angefangen.

Ein Schwarm ist herrenlos. Derjenige, der ihn findet, darf ihn behalten. Das Gesetz stammt noch aus dem Mittelalter. Drei Schwärme sind unbemerkt davon geflogen. Im besten Fall haben sie eine passende Baumhöhle im Wald gefunden. Es wäre eine schöne Aufgabe für die Mitglieder des Vereins, mich nächstes Jahr bei der „Schwarmwache“ zu unterstützen.

Im Sommer konnten sich die Völker weitestgehend selbst mit Futter und Vorräten eindecken. Es war ein sehr einträgliches Jahr. Wir hatten Glück, denn dank der schweren Böden in unserer Gegend und einiger kurzer heftiger Regengüsse zur rechten Zeit hatten die Wurzeln der Linden genügend Wasser. Auch die vielen Blühflächen auf den Äckern in der Umgebung halfen den Bienen, sich gut mit Nektar und Pollen zu versorgen. Trotzdem musste ich den Futtervorrat im Blick behalten. Gerade die Völker, die mehrmals abgeschwärmt waren und demzufolge kaum über Sammelbienen verfügten, brauchten viel Energie, um sich wieder aufzubauen. So half ich hier und da mit der Zugabe von Honig. Für mich war es faszinierend, zu beobachten, wie auch ganz schwach gewordene Völker mit der Zeit wieder erstarkten. Und das im Spätsommer, wenn eigentlich für den Erwerbsimker alles gelaufen war.

Zwei Fragen standen nun vor mir: Wie sollte ich mit der Varroa-Situation umgehen und wie wollte ich die Bienen dieses Jahr überwintern lassen?

Von guten Bienenfreunden kam schon im Frühjahr der Appell, die Bienen sollten in ihrem Haus bleiben. Die Erfahrungen, wie gut die Bienen im Laufe des Jahres mit der Nähe zu uns Menschen umgegangen sind, ließ den Entschluss in mir reifen, die Völker nicht wie im Jahr zuvor im Winter auszulagern. Auf Vereinsebene hatten wir uns geeinigt, im Januar und Februar eine Winterpause im Bienenhaus einzulegen. Die letzte Veranstaltung war am 6.12.2019. Danach sollten die Bienen es kalt und ruhig haben. Ich finde diese Entscheidung konsequent, hebt man doch den Grundgedanken hervor, dass wir das Bienenhaus als Begegnungsort zwischen Mensch und Biene sehen. Auch die Stille der Wintertraube hat eine Qualität, die zu dieser Begegnung dazugehört. Sie kann uns ebenso tief berühren wie der berauschende Duft des frischen Honigs im Sommer, wenn wir uns darauf einlassen. Die Bienen erinnern uns an die Ausgewogenheit zwischen den Polaritäten. Das vergessen wir leider viel zu oft in einer Zeit des ewigen Wachstums.

Die Frage der Varroa-Behandlung wünsche ich mir zukünftig im Verein diskutiert. Wollen wir auf eine Behandlung verzichten und damit Völkerverluste und kranke Bienen ertragen, von Anfeindungen aus der Imkerschaft ganz zu schweigen? Der Gewinn wären möglicherweise Erkenntnisse über eigene Überlebungsstrategien der Bienen. Oder ist uns eine positive Außenwirkung mit gesund gehaltenen Völkern wichtiger? Ich habe mich dieses Jahr für eine Varroa-Behandlung entschieden. In meiner Wirtschaftsimkerei habe ich keine Wahl.

Mitte November kontrollierte ich mit Hilfe einer „Windel“, die in den Boden gelegt wird, den natürlichen Milbenbefall der Völker. Die Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. Einige Völker schienen fast milbenfrei zu sein, andere waren mittelmäßig befallen, eines sogar stark. Doch es kamen Zweifel. Auf Grund der warmen Außentemperaturen konnte ich nicht sicher sein, dass alle Völker wirklich aus der Brut gegangen waren. Dann wären die Ergebnisse nicht aussagekräftig.

In der Morgendämmerung des 11.1.2020, es lag Raureif auf den Wiesen am Waldrand, führte ich schließlich bei allen Völkern eine Winterbehandlung durch. Es war für mich wie eine sakrale Handlung. Die Luft im Bienenhaus war durchzogen von leichtem Lavendel-Rauch. Die Bienen waren absolut ruhig. Nur bei einem Volk sind zwei Bienen aufgeflogen. Sonst haben sie alles geduldig über sich ergehen lassen. Überhaupt kann ich nach den ersten Erfahrungen mit der Arbeit an den Bienenhaus-Bienen sagen, dass sie sich anscheinend erstaunlich wohl fühlen zwischen so vielen zugewandten Menschen. Die wenigen Eingriffe, die ich gemacht habe, konnte ich ohne Schutzkleidung und weitestgehend ohne Rauch durchführen.
Die Bienen ruhen in sich selbst.
Anna-Lisa Giehl, Imkermeisterin

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